Mittwoch, 23. Juli 2014

Die Mechanik des Herzens - eine poetisch, kurze Geschichte über die Liebe

Die Mechanik des Herzens

von Mathias Malzieu

erschienen im Carls's Books Verlag












"Je mehr Angst du davor hast, dich zu verletzen, desto wahrscheinlicher wirst du dich verletzen oder verletzt werden. Nimm nur mal die Seiltänzer im Zirkus. Glaubst du etwa, sie denken oben auf dem Drahtseil daran, dass sie in die Tiefe stürzen könnten? Nein, sie nehmen das Risiko in Kauf und genießen das berauschende Gefühl, der Gefahr zu trotzden. Wenn du dein Leben lang allen Gefahren aus dem Weg gehst, um dich ja nicht zu verletzen, wirst du dich schrecklich langweilen. Es gibt nichts Aufregenderes, als unvorsichtig zu sein! Sieht du! Ich sage unvorsichtig, und deine Augen leuchten!"
S. 63


In einer eisigen Nacht am 16. April 1874 wurde ein kleiner Junge mit einem Herz aus Eis geboren. Um Ihn zu retten, bekam er von Doktor Madeleine ein mechanisches Herz, gemacht aus einer Kuckucksuhr eingebaut. Er lernt mit seiner Uhr zu leben, ... am meisten ärgert mich aber meine ganz persönliche Zeitverschiebung. Abends im Bett hält mich das Ticken, das durch meinen Körper hallt, vom Schlafen ab. Deswegen nicke ich nachmittags oft im Stehen ein und bin dann mitten in der Nacht hellwach. Aber ich bin weder ein Hamster noch ein Vampir, ich bin einfach nur ein nachtaktiver Junge.
S. 22
Doch dies soll nicht die einzige Tücke seines Herzens bleiben! Als Jack mit zehn Jahren zum ersten Mal mit Doktor Madeleine in die Stadt geht verliebt er sich Hals über Kopf in ein kleines, singendes Mädchen - und stirbt beinah. Was Ihn nicht davon abhält sich den Gefahren der Liebe zu stellen!

Vor ein paar Tagen entdeckte ich den zauberhaften Clip zu "Jack und das Kuckucksuhrherz".




Schnell war mir klar, dass ich das Buch unbedingt lesen musste, bevor ich diesen vielversprechenden Kinofilm anschauen werde.

Malzieu läßt uns in eine gleichermaßen magische wie poetische Welt gleiten. Man verliert sich leicht in der zauberhaften Sprache, notiert sich hier und da eine Textpassage. Doch leider hatte ich das Gefühl, das die Geschichte nach und nach etwas von dem ursprünglichen Zauber und damit Jack von seinem Charm verliert.

Alles in allem eine süße, kurzweilige Geschichte von der ersten, großen Liebe - mit all Ihren Fehlern, Gefahren und Tücken. Schmerzlich schön!


Montag, 21. Juli 2014

Verdorbenes Blut - nichts für schwache Nerven

Verdorbenes Blut

von Geoffrey Girard

erschienen im Bastei Lübbe Verlag












THEODORE/7 stand auf der Akte unter dem Foto. Ein Klon. Haut. Knochen. Blut. Augen. Hirn. Jede einzelne Zelle des Körpers war die exakte genetische Kopie eines anderen Menschen. Aber nicht irgendeines Menschen, sondern eines Ungeheuers. Theodore war mit der wissenschaftlichen Zielsetzung erschaffen worden, gewalttätiges menschliches Verhalten zu studieren, um es besser begreifen und effektiver eindämmen zu können.
Und was Gewalttätigkeiten anging, war Theodore das perfekte Versuchsobjekt, denn er war die exakte genetische Kopie eines der berüchtigtsten Serienmörders aller Zeiten. Ted Bundy. Die DNA dieses Jungen hatte somit eine beinahe legendäre Geschichte. Sie genoss so etwas wie einen Promi-Status. Diese DNA hatte gemordet. Achtundzwanzig Mal. Mindestens.
S. 29

Castillo, ein Joint Special Operations Command der US Army, dessen frühere Spezialität die Führung von Killerteams war, wurde damit beauftragt sechs Kids aufzuspüren. Nicht irgendwelche Kids. Den diese Jugendliche tragen die DNA ehemaliger Serienmörder und schlimmsten Psychopathen wie Ted Bundy, Albert Fish, Jeffrey Dahmer, Henry Lee Lucas, Dennis Rader, David Berkowitz, Ed Gein zum Zweck von Verhaltensforschung.  
Nach einem wahren Blutbad sind sie aus der Klinik ausgebrochen, zusammen mit dem ehemaligen Leiter Jacobson. Ihrer blutigen Spur folgt Castillo zusammen mit dem Klon von Jeffrey Dahmer. Doch kann das wirklich gut gehen?

Im Original heißt das Buch "Cain's Blood" was mir sogar besser gefällt, denn er bezieht sich mehr auf die Geschichte und verleiht dieser meiner Meinung nach mehr Aussagekraft. (Kain ist der erste Mörder der Geschichte).

Ursprünglich dachte ich das "Verdorbenes Blut" ein Jugendbuch sei. Dieser Fehler hat sich innerhalb kürzester Zeit korrigiert. Sehr blutig mit detaillierten Beschreibungen werden wir in ein Reich des Gemetzels und Vergewaltigungen geführt.

Doch nicht nur durch seinen Schreibstil läßt Girard seine Leser zittern. Je mehr man in die Geschichte einsteigt und die aufgeführten Gründe liest, desto mehr verstärkt sich das ungute Gefühl.

Um verkäufliche Arzneimittel herzustellen, Genforschung zu betreiben und potenzielle militärische Einsatzmöglichkeiten zu erkunden, züchtet das DSTI - ein üppig finanziertes, aber kaum bekanntes Genetiklabor - absichtlich und gezielt Monster. Es erprobt Klone von Menschen, die als pervers und extrem gewalttätig bekannt sind. Es verordnet die Misshandlung von Kindern ... Nein, Augenblick, es verordnet sie im Rahmen einer Untersuchungsreihe nur der Hälfte der Kinder.
S.

Was mir gut gefallen hat, sind die vielen interessanten Einblicke unter anderem zum Ursprung der Genetik. Allerdings wirkt sich dies nachteilig auf die Geschichte aus. Der Lesestoff wird durch die verlängerten Erklärungen gestoppt, ein Spannungsbogen lässt sich nur sehr schwer und holprig aufbauen.

Alles in allem läßt sich sagen: Girard spielt mit Vermutungen, fügt diesen eine brisante Note hinzu und lässt dadurch Horrorszenarien Wirklichkeit werden. Wer es blutig mag, wird dieses Buch lieben.




Samstag, 19. Juli 2014

Ich und die Anderen - mein Lesehighlight 2014

Ich und die Anderen

von Matt Ruff

erschienen im Hanser Verlag













Tante Sam sagt, ein guter Geschichtenerzähler verrät wichtige Informationen nur stückchenweise, nach und nach, damit seine Zuhörer das Interesse nicht verlieren, aber ich fürchte, wenn ich nicht schon jetzt alles erkläre, werden Sie nichts verstehen, und das ist noch viel schlimmer, als das Interesse zu verlieren. Sehen Sie es mir also nach, und ich verspreche, darauf zu achten, Sie später nicht zu langweilen.
Haus, See, Wald und "Wüste" befinden sich alle in Andy Gages Kopf, beziehungsweise in dem, was Andy Gages Kopf gewesen wäre, wenn er noch lebte. Andy Gage wurde 1965 geboren und nicht lange danach von seinem Stiefvater, einem sehr bösen Menschen namens Horace Rollins, ermordet. Es war kein normaler Mord: die Mißhandlungen und Schändungen, die ihn töteten, waren zwar real, sein Tod aber nicht. Tatsächlich starb nur seine Seele, und als sie starb, zersplitterte sie. Dann wurden die einzelnen Fragmente zu eigenständigen Seelen, den gemeinsamen Erben von Andys Leben.
S. 9-10

"Ich und die Anderen" ist eine berührende Geschichte über Multiple Persönlichkeitsstörung. Der Ich-Erzähler Andrew wurde von seinem Vater Aaron zu einer eigenständigen Seele geschaffen.

Mein Name ist Andrew Gage. Als ich aus dem See stieg, war ich sechsundzwanzig Jahre alt. Ich wurde mit meines Vaters Kraft geboren, doch ohne seine Müdigkeit; mit seiner Beharrlichkeit, doch ohne seinen Schmerz. Ich wurde dazu aufgerufen, das Werk zu Ende zu führen, das mein Vater begonnen hatte: eine Aufgabe, die er sich vorgenommen hatte, für die ich aber geschaffen worden war.
S. 11

Mithilfe von seiner guten Ärztin Danielle Grey konstuierte Aaron ein geeignetes Umfeld für die vielen Seelen. Durch den Bau des Hauses schafft er Ihnen ein Heim und somit Ordnung im Inneren. Da dies alles in Jahrelanger Therapie Kraft gekostet hat, wurde Andrew geschaffen. Er bestimmt über den Körper, teilt den anderen Seelen Ihrer Körperzeit ein. So darf der "fünfjährige" Jake zum Beispiel das Zähneputzen übernehmen, da er das von den ganzen Seelen am liebsten hat. Danach ist Seferi für das tägliche Fitnessprogramm zuständig. Bei Tante Sam und dem pubertierenden Adam muss man dagegen aufpassen, dass Sie nicht mehr Körperzeit nehmen, als Ihnen zusteht.

So leben Sie zusammen mit Mrs. Winslow in einem renoviertem Haus aus der Jahrhundertwende in Autumn Creek, Washington. Bis zu dem Tag, andem Andrew Penny kennenlernt. Penny leidet unter Ihrer Multiplen Persönlichkeitsstörung, denn Sie weiß nicht, dass Sie eine hat. Zuerst widerwillig versucht Andrew Penny zu helfen und merkt dabei zu spät, dass er sich dabei in Gefahr begibt!

Dieses Werk von Matt Ruff hat mich total umgehauen! Ich hatte es mir zuerst als Hörbuch geholt (ungekürzt 22 Stunden). Schon die ersten Seiten dieses (Hör)Buches haben mich so ergriffen, dass ich Tränen in den Augen hatte und mir schnell klar war, dass ich dieses Schmuckstück im Regal haben musste, um es immer wieder lesen zu können! Trotz dieser unglaublich traurigen Thematik schweift Ruffs nicht ins Seichte ab. Traumatische Ereignisse werden nicht unnötig brutal ausgeschmuckt, allerdings angesprochen. Er schafft es so geschickt Nebenhandlungen in seine Geschichte einzubauen, dass man den Schlenker erst bemerkt, wenn er sich wieder auf die richtige Bahn einfädelt. Und mit seinen beiden Hauptprotagonisten, Andrew und Penny, die abwechselnd aus ihrer Perspektive erzählen gelingt es Ihm eine fesselnde Geschichte zu erzählen, die rasant an Fahrt gewinnt. Und seid gewarnt: Mit diesem Buch begebt ihr euch auf eine steile, kurvenreiche Reise. Nicht nur durch Amerika, sondern auch durch die menschliche Psyche. Schnallt euch besser an!

Freitag, 18. Juli 2014

Noah - unvergesslich und überraschend - ein neuer Fitzek-Thriller!

http://www.timida.de/wp-content/uploads/2013/12/978-3-7857-2482-8-Fitzek-Noah-org.jpgNoah

von Sebastian Fitzek

erschienen im Bastei Lübbe Verlag












"Ich weiß ja, dass du keine Labertasche bist, mein Großer, aber ich sag's dir trotzdem noch mal: Sprich mit niemandem, hörst du? Zu keinem ein Wort. Lass mich für dich antworten, wenn du gefragt wirst."
S. 16

Ein Mann wacht mitten in Berlin ohne Gedächtnis auf und wird seit dem vom Obdachlosen Oscar aufgenommen und beschützt. Seinen Namen "Noah" erhält er von Ihm, da der Name auf seiner Hand eintatöwiert ist. Als Sie in einer eiskalten Nacht wegen Noah kein Zimmer im Obdachlosenasyl bekommen, sind Sie gezwungen im Bahnhof zu übernachten. Um sich etwas Wärme zu verschaffen, deckt sich Noah mit den naheliegenden Zeitungen zu. Dabei stößt er auf einen Artikel, der Spuren zu seinem alten Leben aufdeckt.  Doch wie gut ist es, sich an alles erinnern zu können?

Was mir so gut an den Büchern von Sebastian Fitzek gefällt ist, dass man nie weiß, was für eine Geschichte auf einen zukommt. Oft spielen in Fitzeks Büchern seine eigenen Gesetze. Nicht so bei "Noah". In diesem zeitkritischen Thriller wird ein ernster Ton angeschlagen, was der Geschichte allerdings nie Ihren Reiz nimmt. Dafür hat der meister des Thrills viel zu viel Spannung und Wendungen eingebaut.
Was der Autor selbst über sein Werk hält, verrät er uns in seinem Nachwort:

Natürlich ist Noah ein Unterhaltungsroman, kein Fach- oder Sachbuch. Nur, so scheint es, hat sich mir beim Schreiben ein Thema zwischen die Zeilen geschlichen, das mir anfangs eher unterbewusst auf der Seele brannte - und das nicht erst, seitdem ich dreifacher Familienvater bin. Wenn man so will, habe ich mit Noah Fragen aufgeworfen, auf die ich selbst keine Antwort habe. Doch gute Fragen (das beweist meine Lektorin Regine Weisbrod mit jeder Anmerkung zu meinen Manuskripten immer wieder) können sehr viel bewirken. Sie setzen einen Denkprozess in Gang. Wenn Noah das bei Ihnen ausgelöst haben sollte, wenn Sie das Buch nicht in der Sekunde, in der Sie es ins Regal zurückstellen (oder den Reader ausschalten), sofort wieder vergessen haben, dann ist das Maximum dessen, was ein einfaches Stück Unterhaltungsliteratur leisten kann, erreicht.
S. 555

Und ja, bei mir hat es dieses Buch eindeutig geschafft im Gedächtnis zu bleiben. Dankeschön für dieses gelungene Stück Literatur das zum einen gut unterhält und zum anderen eine wichtige Message enthält, die während und nach dem Lesen noch lang beschäftigt und hoffentlich nie in Vergessenheit gerät.