Donnerstag, 10. April 2014

Unland - begib dich ins Ungewisse!

Unland

von Antje Wagner

erschienen im Bloomoon Verlag













"Meine Geschichte war nie durchgesickert. Und ich habe Sie keinem erzählt. Je mehr jemand über dich weiß, desto einfacher ist es für ihn, alles gegen dich zu verwenden. Dein eigenes Leben."
S. 46

Die vierzehnjährige Franka hat es im Leben nicht leicht gehabt. Zahlreiche Jugendämter und Pflegefamilien.

"Ich glaube, ich hab noch nie so richtig irgendwo dazugehört. Außer vielleicht zum Jugendamt."
S. 33
Nun soll Sie im Haus Eulenruh einziehen, einer Erziehungsstelle die zwei ausgebildeten Pädagogen, Vera und Andreas Kämpf, leiten. Zusammen mit Franka leben noch sechs andere Menschen im Haus Eulenruh.

"Lizzie und Ann, zählte ich sie im Stillen auf, Ricardo und Matthias, Axel und Denise. Und ich. Sieben Menschen in jedem Alter und jeder Größe. Sieben verschiedene Geschichten und unterschiedliche Stufen von Freundlichkeit."
S. 34

Nach und nach freundet sich Franka immer mehr mit den Bewohnern Eulenruhs an, fühlt sich akzeptiert und findet Menschen denen Sie vertrauen kann. Trotzdem kann sie die dunklen Schatten ihrer Vergangenheit nicht hinter sich lassen.

"Ich durfte nicht so rumsitzen, dann wurde es bloß schlimmer. Mit Kraft stieß ich mich vom Bett hoch, und der Schmerz war langsamer als ich. Ohne mich hatte er keinen Halt mehr und rutschte vom Bett herab ins Maul der Tasche."
S. 68

So friedlich die Familienatmosphäre im Haus Eulenruh ist, so sehr müssen die Jugendlichen gegen die Distanz und Vorurteile des Dorfes ankämpfen, von denen sie die Außenseiterrolle aufgestempelt bekommen. Als Franka dann noch das merkwürdige Verhalten ihres Nachbars beobachtet, müssen sich die Jugendlichen gegen gemeine Unterstellungen wehren... Doch von wem wird das gesteuert? Und wieso? Dies gilt es zu erfahren und so fangen die Jugendlichen an zu ermitteln... nicht ohne sich dabei selbst in große Gefahr zu bringen...

Wer einmal ein Buch von Antje Wagner gelesen hat, weiß ihre Schreibart zu schätzen und freut sich auf die Bilder die im Kopf entstehen. Doch so schön die verwendete Sprache ist, so hart und brutal, eben aus dem Alltag heraus, ist die Geschicht. Begleitet von der Autorin, Antje Wagner, habe ich "Unland" in einer Lovelybooks Leserunde gelesen. Die Handlung wird aus Frankas Sicht erzählt. Dabei setzt Antje Wagner auf individuelle Charaktere, die nicht ins typische Buchraster passen. Franka ist eher stämmig und wird auf den ersten Blick für einen Jungen gehalten. Warum gerade so, beantwortet Antje Wagner in der Leserunde:

"Ich finde das sehr wichtig, realistische Mädchenfiguren zu schaffen. In vielen Bücher und Filmen wird immer derselbe Typ reproduziert - ohne das zu hinterfragen und ohne Mädchentypen Raum zu geben, die es natürlich auch gibt und nicht zu knapp.
Dadurch passieren in meinen Augen zwei Dinge: Eine bestimmte Geschlechterrolle wird überbetont und dadurch als "normal" hingestellt, was Imitationen/Nachahmungen anregt und zugleich alle *anderen* Mädchentypen als abweichend einstuft/abstempelt. Was ich sehr schade finde und auch nicht schön fürs Selbst- und Weltbild.
Ich kenne Mädchen wie Franka - die fühlen sich sehr wohl, so wie sie sind, überhaupt nicht "verkleidet", sondern authentisch. Sie nehmen ihre Art und Weise und ihr Aussehen also nicht als "Schale" war, hinter der sich ein femininer Kern verbirgt - andersrum wäre es eher der Fall: Andersrum würden sie sich verkleidet fühlen - wie ein Matrose im Mini. Das heißt aber auch, dass ihr Aussehen und Verhalten eben KEIN "Schutzschild" ist, was einige hier bisher vermuteten - das würde ja gerade das Denkmuster bestätigen, dass eben das *feminine Mädchenbild* das "wahre" ist und alles andere ein Fake, eine andere Art Mutation - genau darum geht mir. Genau diese Denkmuster sind eben fest in unseren Köpfern verankert und brauchen dringend Erschütterungen.
Mir ist wichtig, jenen in Werbung und Kultur unsichtbaren/weggedrückten Mädchenrollen Raum zu geben, damit sie eben erstens sichtbar werden und zweitens Identifikationsmöglichkeiten bieten für diejenigen, die sich eben nicht in dem zum x-ten Mal reproduzierten (und stilisierten) Mädchenbild wiederfinden. Denn dass sie nicht kulturell gezeigt und ausgedrückt werden, geht gegen das Leben, gegen die Realität und letztlich gegen uns, unser Welt- und Selbstverständnis.
Wir schmoren sonst im Sud einer ewig gleichen Bilderbrühe, die sich nicht um die reale Welt und die realen Gefühle von Menschen schert. Dass das gefährlich ist, zeigt die Haltung, die viele Menschen *andersartigen* Menschen gegenüber entwickeln können. Kulturelle Sichtbarkeit aller Seins-, Lebens- und Liebesformen würde da Druck rausnehmen.

 Quelle: Auszug aus der Lovelybooks Leserunde zu "Unland". Unter dem Link kann man sich ihre ganze Antwort durchlesen.

Gerade das schätze ich an Antje so. Sie wirft Fragen und Themen auf, die ich so direkt vorher nicht wahrgenommen und somit nicht hinterfragt habe. Daraus ergibt sich sogar eine Selbstverständlichkeit die einfach hingenommen wird...bis Antje uns aufrüttelt aus unserem Alltagsschlaf ;)

Wie schon bei ihrer Leserunde zu "Schattengesicht" hat sich Antje sehr viel Mühe mit ihren Antworten gegeben. Deswegen soll auch ihr das Schlußwort in meiner Rezension gehören:

UNLAND war das erste Buch, in dem ich ganz bewusst Orte gewählt habe, die ich gut kenne. 

Ich selbst stamme aus einem winzigen Dörflein an der Elbe, bei Wittenberg. Es hieß nicht Waldburgen, aber Wartenburg.

Pate für die "Erziehungsstelle" war das in Wartenburg existierende Kinderheim.

Sehr viele Dinge, die in dem Buch beschrieben sind, haben einen engen biografischen Bezug. Ich bin z.B. mit Heimkindern aufgewachsen, weil das Heim (ein Schloss) nicht nur gegenüber meinem Elternhaus stand, sondern weil wir Patenschaften hatten: Jedes Heimkind hatte eine Patenschaft mit einem Nicht-Heimkind. Und das betraf dann zum Glück nicht nur Schulisches (man machte zusammen Hausaufgaben), sondern auch Privates (man besuchte sich gegenseitig, spielte zusammen, quatschte - es waren Freundschaften). 

Waldburgen und Wartenburg haben nicht nur Atmosphärisches gemeinsam (die Naturbeschreibungen sind alle echt, manche Häuser gibt es tatsächlich), sondern auch den Geist.
Wie das häufig in kleinen Dörfern so ist (aber auch in Städten), wird Anderartigkeit als bedrohlich empfunden und erst einmal ausgegrenzt bzw. stigmatisiert. Es gab z.B. einen Spruch in meinem Dorf. Wenn irgendwas Negatives passiert war (z.B. ein Einbruch oder eine Beschädigung oder sonst was), dann hieß es sofort: "Das waren die Heimkinder." Ohne Nachfrage, ohne das zu reflektieren. Einfach nur: Das waren die Heimkinder.
Das ist ziemlich übel. 


Aus den Freundschaften zu einigen Heimkindern (auch meine erste große Liebe war ein Heimjunge) habe ich viel gelernt. Ich habe scheußliche Dinge erfahren, ich habe mitbekommen, was Eltern ihren Kindern antun können, und wie man als Kind auf so etwas reagiert (und es ist ein Irrglaube, dass Kinder, die schlecht behandelt werden, automatisch ihre Eltern hassen). Ich habe auch gemerkt, dass es nicht ums Überleben gehen sollte, sondern ums Leben. Das ist wichtig, denn wenn man jemandem, der oder die Gewalt erfahren hat, nur als Überlebende betrachtet, stempelt man ihm oder ihr "Opfer" auf. (Und dieses Denken und Stempeln kann ein weiterer Gewaltakt sein, weil es Entwicklung verhindert.)

Erst Jahre später habe ich realisiert, WIE entsetzlich manches war, was ich gehört habe, und was ich in Kindesalter als normal angesehen habe, denn ich hab es eben von kleinauf mitbekommen, hab von kleinauf diese Erlebnisse gehört - was es eben irgendwie normal machte. Erst Jahre später hat es "klick" gemacht in meinem Kopf und ich habe gemerkt, dass ich darüber schreiben muss. Nicht, um es loszuwerden, sondern um es auszusprechen. Den Kindern Raum zu geben, ihren Gedanken, ihren Leben. 

Es gibt eine Menge Fiktion in dem Buch, aber was absolut echt ist, sind die Geschichten der Kinder und Jugendlichen. Sie sind zwar keine realen Personen, aber es gibt die Fragmente echter Personen in ihnen. Kein einziges Schicksal in dem Buch ist ausgedacht - bei diesem Thema fände ich das auch schwierig. Manchmal ist die Wahrheit grausamer als die Fantasie. Und in diesen Fällen hier wollte und konnte ich nichts erfinden. 

Mir war es aber wichtig, die Kinder und Jugendliche nicht als "defizitär" zu zeigen, denn das sind sie nicht. Auch das ist ein Irrglaube. Ein Irrglaube, der scheußlicherweise durch die Literatur geistert, und den ich schlicht fürchterlich finde, denn damit werden Heimkinder auch noch literarisch stigmatisiert und bemitleidet.

Aber das ist das Thema einer anderen Frage, die ich später beantworte. :))


Jedenfalls sind die Orte in dem Buch zu großen Teilen real und autobiografisch, aber mit Fiktion ummantelt.

Quelle: Lovelybooks Leserunde zu "Unland"

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